nach oben
+49 6261 671100
info@erbrechtexperte.de
Thomas Maulbetsch - Fachanwalt für Erbrecht in Obrigheim bei Mosbach

Höhe und Berechnung des Pflichtteils

Der Pflichtteilsanspruch ist die Hälfte der gesetzlichen Erbquote als Geldanspruch. Um die Höhe des Geldanspruchs berechnen zu können, muss der Pflichtteilsberechtigte sich an den Erben wenden und ein sogenanntes Nachlassverzeichnis fordern. Das Nachlassverzeichnis ist dann in Aktiva und Passiva sowie ausgleichungspflichtige Zuwendungen und Schenkungen des Erblassers zu untergliedern. Anhand dieser Angaben kann der Pflichtteilsberechtigte dann die Höhe seines Pflichtteilsanspruchs errechnen.

Pflichtteilshöhe & - berechnung kurz erklärt

  • Der Pflichtteilsanspruch ist ein Geldanspruch
  • Der Erbe muss dem Pflichtteilsberechtigten ein Nachlassverzeichnis übermitteln
  • Der Pflichtteilsberechtigte hat einen Wertermittlungsanspruch
  • Der Pflichtteilsberechtigte hat bei Schenkungen des Erblassers zu dessen Lebzeiten unter Umständen einen Pflichtteilsergänzungsanspruch
  • Ausgleichungspflichtige und anrechnungspflichtige Zuwendungen des Erblassers müssen bei der Berechnung des Pflichtteilsanspruchs berücksichtigt werden.

1. Auf welchen Zeitpunkt kommt es bei der Ermittlung des Nachlasswertes an?

Der Netto-Nachlass des Erblassers, welcher Grundlage für die Höhe des Pflichtteilsanspruchs ist, wird nach dem sogenannten Stichtagsprinzip auf den Tod des Erblassers erstellt. Bei Immobilien gilt demnach der Verkehrswert am Todestag bzw. beispielsweise bei Aktien der Wert der Aktie am Tag des Todes. Hat der Erblasser zu seinen Lebzeiten Schenkungen getätigt, die bei der Berechnung des Pflichtteilsanspruchs berücksichtigt werden müssen, so ist der Wert der Schenkung im Regelfall auf den Todestag über den sogenannten Verbraucherpreisindex umzurechnen. Bei Schenkungen von Immobilien unter Wohnungsrecht bzw. Nießbrauch, gibt es eine spezielle Berechnungsmethode. Der Nachlasswert am Todestag selbst wird berechnet unter Abzug der Passiva von den Aktiva und mit Berücksichtigung ausgleichungspflichtiger bzw. anrechnungspflichtiger Zuwendungen.

2. Wie kann ich den Nachlasswert für meinen Pflichtteilsanspruch berechnen?

Der Nachlasswert als Grundlage des Pflichtteilsanspruchs basiert auf dem vom Erben an den Pflichtteilsberechtigten zu überreichenden Nachlassverzeichnis. Hier hat der Pflichtteilsberechtigte neben der Möglichkeit eines sogenannten privatschriftlichen Nachlassverzeichnisses vom Erben auch noch die Möglichkeit, anschließend ein sogenanntes notarielles Nachlassverzeichnis, welches von einem Notar dann erstellt wird, anzufordern. Der Notar stellt dann eigene Ermittlungen an, um den Inhalt des ihm seitens des Erben vorgelegten Nachlassverzeichnisses nochmals selbst zu ermitteln.

Das Nachlassverzeichnis selbst ist zu unterteilen in sogenannten Aktiva und Passiva. Aktiva sind alle Vermögensgegenstände des Erblassers, welche einen positiven Wert haben. Passiva sind beispielsweise vom Erblasser herrührende Verbindlichkeiten und auch die Beerdigungskosten. Das Nachlassverzeichnis ist weiter zu untergliedern in Schenkungen des Erblassers zu dessen Lebzeiten und zusätzlich noch – soweit vorhanden – in anrechnungsfähige Zuwendungen bzw. ausgleichungspflichtige Zuwendungen. Anhand der Werte des Nachlassverzeichnisses, kann der Pflichtteilsberechtigte später seinen Pflichtteilsanspruch berechnen und gegenüber dem Erben fordern.

3. Was sind Nachlassaktiva?

Nachlassaktiva sind alle Gegenstände des Erblassers, die einen positiven materiellen Wert am Todestag innehatten. Es ist dabei der Wert am Todestag entscheidend.

Die wichtigsten Aktiva sind unter anderem:

  • Immobilien, unter Umständen Möbel, Haushaltsgegenstände, Antiquitäten, Bilder
  • Bankguthaben, Wertpapiere, Aktien, Bargeld
  • Guthaben bei Bausparverträgen, Miterbenanteile aus Erbengemeinschaften
  • Pkw, Motorräder Oldtimer, Briefmarken, Münzen, Sammlungen
  • Forderungen, z. B. Darlehen
  • Uhren, Schmuck, Edelmetalle
  • Ausstehende Steuerrückzahlungen
  • Krankenversicherungsansprüche

4. Was sind Nachlasspassiva?

Nachlasspassiva sind alle Verbindlichkeiten, die der enterbte Pflichtteilsberechtigte ebenso zu tragen hätte, wenn er Erbe geworden ist. Dabei ist zwischen Erblasserschulden und Erbfallschulden zu unterscheiden.

Erblasserschulden sind alle Verbindlichkeiten, die den Erblasser selbst bereits belastet haben, wie zum Beispiel noch offene Darlehensverbindlichkeiten einschließlich Zinsen, ausstehende Steuerverbindlichkeiten oder noch nicht bezahlte Kaufverträge.

Erbfallschulden sind solche, die durch den Erbfall entstanden sind. Letztere sind beispielsweise die:

Beerdigungskosten, die Kosten für die Wertermittlung des Nachlasses oder unter Umständen auch Zugewinnausgleichsansprüche nach § 1371 II, III BGB. Erbfallschulden sind z.B. offene Darlehensverbindlichkeiten des Erblassers sowie Rechnungen, die nach dem Todesfall dem Erblasser zugegangen sind. Dies sind im Regelfall Kosten für Krankenhausaufenthalte, Apotheke oder Arztrechnungen.

Nicht abzugsfähig sind in diesem Zusammenhang sogenannte Nachlasserbenschulden, da diese erst durch Rechtshandlungen des Erben entstehen. Die Erbschaftsteuer des Erben ist nicht abziehbar als Nachlasspassiva, genausowenig wie Vermächtnisse, Auflagen oder Pflichtteilsansprüche, die sich durch das Testament ergeben. Die Kosten der Testamentseröffnung selbst, der sogenannte Dreißigste, die Kosten des Erbscheins, Kosten für eine Testamentsvollstreckung oder auch Kosten für die Beauftragung eines Rechtsanwalts zur Regulierung des Pflichtteilsanspruchs sind ebenso jeweils nicht abzugsfähig.

5. Hat ein Pflichtteilsberechtigter Anspruch auf Wertermittlung?

Der Pflichtteilsberechtigte hat neben seinem Auskunftsanspruch auf ein Nachlassverzeichnis auch einen sogenannten Wertermittlungsanspruch. Dieser besteht bei unbeweglichen und beweglichen Gegenständen, die im Eigentum des Erblassers gestanden haben, und deren Wert sich nicht anderweitig feststellen lässt.

Kommt es hier zu keiner Einigung auf den Verkehrswert am Todestag zwischen Erben und Pflichtteilsberechtigten, so kann der Pflichtteilsberechtigte seinen Wertermittlungsanspruch gegenüber dem Erben geltend machen. Der Erbe hat dann die Pflicht, den Gutachter umgehend zu beauftragen. Der Pflichtteilsberechtigte hat bei der Auswahl kein Mitspracherecht. Die Kosten der Wertermittlung sind dann als Passiva in das Nachlassverzeichnis aufzunehmen. Somit bezahlt der Pflichtteilsberechtigte anhand seiner Pflichtteilsquote die Kosten des Sachverständigengutachtens mit.

Der Anspruch auf Wertermittlung wird im Regelfall bei Immobilien – Grundstücken, Eigentumswohnungen, Baugrundstücken – geltend gemacht, gilt aber auch bei beweglichen Gegenständen, wie beispielsweise bei der Wertermittlung eines Pkw, eines wertvollen Bildes, des Schmucks oder bei Antiquitäten.

6. Wer muss die Kosten für die Wertermittlung zahlen?

  • Die Kosten der Wertermittlung hat der Nachlass zu tragen. Dies bedeutet, dass der Gutachter seine Rechnung an den Erben adressieren muss. 
  • Die Kosten des Verkehrswertgutachtens werden dann allerdings in die Passiva des Nachlassverzeichnisses aufgenommen. Folge ist, dass somit der Pflichtteilsberechtigte anhand seiner Pflichtteilsquote die Kosten der Wertermittlung mitträgt.

Ist der Wert des Nachlasses so gering, dass er die Kosten der Wertermittlung nicht tragen kann, so muss der Pflichtteilsberechtigte die Kosten selbst tragen, sofern der Erbe sich auf die Bedürftigkeit des Nachlasses beruft.

7. Wie kann ich den Wert von Grundstücken und Immobilien ermitteln?

Fordert der Pflichtteilsberechtigte auf Grund seines Wertermittlungsanspruchs die Bewertung beispielsweise einer Immobilie, die sich im Nachlass befindet, so muss der Erbe selbst einen Gutachter, den er selber auswählen kann, diesbezüglich auf Kosten des Nachlasses beauftragen. Hier sollte im Regelfall ein öffentlich vereidigter Immobiliensachverständiger oder der Gutachterausschuss der zuständigen Gemeinde beauftragt werden.

Das Gutachten selbst basiert dann im Regelfall entweder auf dem sogenannten Vergleichswertverfahren, dem Vertragswertverfahren oder dem Sachwertverfahren.

  • Beim Vergleichswertverfahren wird der Verkehrswert der Immobilie durch den Vergleich mit ähnlichen Immobilien oder Grundstücken bestimmt. 
  • Das Ertragswertverfahren wird im Regelfall bei Mehrfamilienhäusern oder Gewerbeimmobilien angewendet, da dort Mieteinnahmen erzielt werden. Die Berechnung erfolgt dann aus einem Mix aus dem Bodenwert, dem Wert der baulichen Anlagen auf dem Grundstück und der Jahresnettokaltmiete. 
  • Das Sachwertverfahren orientiert sich nur am Bodenwert und dem Wert der baulichen Anlagen, die auf dem Grundstück stehen.

Bei einem Gutachten ist zu erläutern, um welches Verfahren zur Anwendung oder nicht zur Anwendung kommt. Anschließend muss der Erbe dem Pflichtteilsberechtigten das Gutachten überreichen, damit dieser den Inhalt prüfen kann. Ist der Pflichtteilsberechtigte mit der festgestellten Höhe nicht einverstanden, so bleibt ihm nur der Weg zum zuständigen Amts- oder Landgericht, wobei dort dann der zuständige Richter nochmals einen Gutachter beauftragt. Hier haben der Erbe und der Pflichtteilsberechtigte keinen Einfluss auf die Person des Gutachters. Des Kosten des Gutachters im gerichtlichen Verfahren  sind dann auf Grund des Gewinnens bzw. Unterliegens im Prozessverfahren von den Beteiligten zu tragen.

Neben dem Verkehrswertgutachten eines selbstbestellten Gutachter, erlässt das zuständige Einkommensteuerfinanzamt in Nachlassangelegenheiten, in welchen eine Erbschaftsteuerzahlung an das zuständige Erbschaftsteuerfinanzamt zu erwarten ist, für eine im Nachlass vorhandene Immobilie einen sogenannten Grundbesitzfeststellungsbescheid. Auch dies ist eine Festlegung des Verkehrswertes der Immobilie am Todestag. Ist der Erbe mit dessen Höhe nicht einverstanden, so hat er über die sogenannte Öffnungsklausel nach § 198 Bewertungsgesetz die Möglichkeit, gegen diesen Wert mit einem Gutachten eines öffentlich vereidigten Immobiliensachverständigen vorzugehen. Dieses Gutachten ist dann vom Finanzamt zu akzeptieren. Das Problem in diesem Bereich ist allerdings, dass der Grundbesitzfeststellungsbescheid im Regelfall erst nach einer sehr langen Zeitdauer überreicht wird und somit über die eigene Beauftragung eines Gutachters viel schneller die Angelegenheit im Bezug auf die Höhe des Wertes der Immobilie beendet werden kann.

8. Wie wird der Wert von Unternehmens- oder Firmenbeteiligungen ermittelt?

Befinden sich eine Einzelfirma oder beispielsweise Anteile an einer GmbH oder Anteile an einer Kommanditgesellschaft im Nachlass, so kann der Pflichtteilsberechtigte auch hier eine Verkehrswertermittlung bzgl. der Höhe der Firmenanteile verlangen. Die Bewertung von Firmenbeteiligungen ist hochkomplex. Hier gibt es neben dem Ertragswertverfahren mit diversen Berechnungsmethoden auch das sogenannte DC-F-Verfahren oder auch das sogenannte Vergleichswertverfahren. Welches Verfahren vom Gutachter benützt wird, ist immer eine Frage des Einzelfalles. In diesem Bereich kommen in den aller wenigsten Fällen zwei unterschiedliche Gutachter zu demselben Unternehmenswert.

Problematisch ist insbesondere auch der sogenannte Geschäftswert der Unternehmensanteile. Dies gilt beispielsweise bei Arzt- oder Anwaltspraxen für den vorhandenen Kundenstamm und dessen inhaltliche Zusammensetzung.

Es ist offensichtlich, dass es hier viele Variablen den Wert mitentscheiden. In vielen Bewertungsfällen sind auch die sogenannten Abfindungsklauseln in den Gesellschaftsverträgen zu beachten, wobei hierbei strittig ist, ob diese Unternehmensbewertung beeinflussen oder nicht. Es sollte nicht unerwähnt bleiben, dass die Gutachten in diesem Bereich sehr teuer sind und im Regelfall nicht zeitnah erstellt werden können.

Weitere Fragen und Antworten

Was ist ein Nachlassverzeichnis?

Der Pflichtteilsberechtigte hat gegenüber dem Erben einen Anspruch auf detaillierte Auskunft über den Inhalt des Nachlasses. Dies ist das sog. Nachlassverzeichnis. Es ist aufzuteilen in Aktiva und Passiva am Todestag. Des Weiteren hat der Pflichtteilsberechtigte einen Auskunftsanspruch hinsichtlich Schenkungen und Zuwendungen des Erblassers. Diese Auskunft ist wichtig für den sog. Pflichtteilsergänzungsanspruch.

Beim Pflichtteilsergänzungsanspruch sind im Regelfall die Zuwendungen der letzten 10 Jahre seitens des Erblassers wichtig. Bei Geschenken an Ehegatten gibt es keine zeitliche Begrenzung. Dies gilt weiter auch, wenn der Erblasser sich ein Nutzungsrecht am übergebenen Gegenstand vorbehalten hat. Auch Zuwendungen an eigene Kinder des Erblassers, die evtl. einer sog. Ausgleichungspflicht unterliegen, sind ohne zeitliche Begrenzung in das Nachlassverzeichnis aufzunehmen.

Gleiches gilt für Zuwendungen seitens des Erblassers, wenn dieser beispielsweise eine Anrechnung auf den Pflichtteil erklärt hat und der Beschenkte diese Anrechnungsbestimmung akzeptierte. Erfolgt eine Zuwendung des Erblassers nur teilweise unentgeltlich, dann ist der unentgeltliche Teil ebenso in das Nachlassverzeichnis aufzunehmen.

Wie weit muss das Nachlassverzeichnis untergliedert sein?

Der Erbe ist verpflichtet, die Nachlasswerte einzeln aufzulisten. Dazu gehört auch die Angabe der wertbildenden Faktoren eines Vermögenswertes. Ist beispielsweise ein PKW im Nachlass, so ist die Marke, das Modell, das Baujahr, der Neupreis, der Kilometerstand und der allgemeine Zustand des Fahrzeuges weiter anzugeben. In diesem Zusammenhang wäre es möglich, zum zuständigen PKW-Händler zu fahren, sodass dieser dann ein kostenloses Gutachten erstellt, welches dann dem Pflichtteilsberechtigten übermittelt wird.

Der Erbe selbst kann dabei den nach seiner Meinung vorliegenden Wert des einzelnen Gegenstandes angeben. Der Pflichtteilsberechtigte muss diesen Wert nicht übernehmen und hat ein eigenes Recht auf eine Wertermittlung durch einen unabhängigen Gutachter.

In welcher Form ist das Nachlassverzeichnis bzw. die Auskunft zu erteilen?

Das Nachlassverzeichnis selbst muss in sich geschlossen und geordnet sein. Aus dem Nachlassverzeichnis heraus muss es für den Pflichtteilsberechtigten nachvollziehbar sein, welche Gegenstände sich im Nachlass befinden. Eine mündliche Auskunft ist demnach rechtlich unwirksam.

Weiter muss der Pflichtteilsberechtigte nicht akzeptieren, dass die Auskunft in zeitlichen Einzelschritten erteilt wird. Es ist nicht die Aufgabe des Pflichtteilsberechtigten, sich aus Einzelteilen das Nachlassverzeichnis zusammen zu setzen.

Der Pflichtteilsberechtigte selbst hat die Wahl, den Erben aufzufordern, eine Auskunft selbst zu erstellen oder dass ein Notar im Auftrag des Erben das Nachlassverzeichnis erstellt. 

Beim notariellen Nachlassverzeichnis muss der Notar sich ein eigenes Bild von der Zusammensetzung des Nachlasses machen. Er muss sich daher im Regelfall an den Wohnort des Erblassers begeben, um dort eine Aufstellung der sich dort befindlichen und zum Nachlass gehörenden Gegenstände anzufertigen. Des weiteren ist der Notar verpflichtet, selbst Bankunterlagen wie Kontoauszüge einzusehen und, wenn diese unvollständig sein sollten, die entsprechenden fehlenden Auskünfte bei den Banken einzuholen. Der Notar muss demnach eigene Tätigkeiten und Ermittlungen durchführen, er darf also nicht das Nachlassverzeichnis nur auf den Erklärungen und überreichten Unterlagen seitens des Erben erstellen. Es ist offensichtlich, dass der Notar bei der Erstellung auf die Mitwirkung der Erben angewiesen ist.

Das durch den Erben erstellte Nachlassverzeichnis und das notariell erstellte Nachlassverzeichnis, sind gleichwertig. Der Pflichtteilsberechtigte kann demnach zunächst ein Nachlassverzeichnis vom Erben verlangen und anschließend noch ein notarielles Nachlassverzeichnis fordern.  

Ist der Erbe verpflichtet, seinem Nachlassverzeichnis Urkunden beizulegen?

Der Erbe ist im Regelfall nur verpflichtet, das Nachlassverzeichnis zu überreichen. Dies bedeutet, dass er keine Urkunden und keine Rechnungen oder dergleichen dem Nachlassverzeichnis beilegen muss. Der Pflichtteilsberechtigte selbst hat nach dem Gesetz nur einen Anspruch auf Mitteilung von Informationen. Es gibt hierzu Ausnahmen, insbesondere im Gesellschaftsrecht, die die Rechtsprechung ausgeurteilt hat.  

Wie kann der Pflichtteilsberechtigte sicher stellen, dass das ihm überreichte Nachlassverzeichnis ordnungsgemäß erstellt worden ist?

Bestehen berechtigte und nachweisbare Zweifel an der Richtigkeit bzw. Vollständigkeit des Nachlassverzeichnisses, so kann der Pflichtteilsberechtigte gegenüber dem Erben verlangen, dass dieser seine Auskunft an Eides statt versichert. Zweifel liegen vor, wenn die Informationen ohne sachlichen Grund nur nach und nach erteilt worden sind oder ursprüngliche Angaben im Nachlassverzeichnis ohne nachvollziehbaren Grund korrigiert wurden. Kommt die Auskunft nur schleppend und scheibchenweise bzw. immer nur auf Aufforderung des Berechtigten, so liegen auch Zweifel vor.

Die eidesstattliche Versicherung selbst ist beim Amtsgericht abzugeben. Sichert hier der Erbe als Auskunftsverpflichteter schuldhaft falsche Angaben, macht er sich strafbar nach § 156 StGB.

Kann der Erbe seine Auskunft zurückhalten, wenn er Ansprüche gegenüber dem Pflichtteilsberechtigten hat?

Nein, der Erbe hat in keinem Fall ein Zurückbehaltungsrecht gegenüber dem Pflichtteilsberechtigten. Somit ist der Pflichtteilsberechtigte dahingehend abgesichert, dass der Erbe immer das Nachlassverzeichnis an ihn übermitteln muss.

Wer trägt die Kosten für die Erstellung des Nachlassverzeichnisses?

Die Erben können für ihren Aufwand hinsichtlich der Erstellung des Nachlassverzeichnisses keine Kosten gegenüber dem Pflichtteilsberechtigten geltend machen. Sollte der Erbe im Zusammenhang mit der Erstellung des Nachlassverzeichnisses eine anwaltliche Beratung oder Vertretung benötigen, so sind auch diese dadurch entstehenden Kosten nicht in das Nachlassverzeichnis aufzunehmen und können nicht dem Pflichtteilsberechtigten entgegen gehalten werden.

Verlangt der Pflichtteilsberechtigte jedoch die Vorlage eines notariellen Nachlassverzeichnisses, so sind die Erben berechtigt, die hierfür anfallenden Kosten aus dem Nachlass zu begleichen. Dadurch mindert sich der Wert des Nachlasses und der Pflichtteilsberechtigte bezahlt demnach die Kosten des notariellen Nachlassverzeichnisses mit der Quote seines Pflichtteilsanspruchs. Die Kosten für ein notarielles Nachlassverzeichnis werden nach der sog. Kostenordnung der Notare berechnet.

Wirken sich Zuwendungen des Erblassers zu Lebzeiten an seine Kinder im Erbfall auf den Pflichtteil aus?

Hinterlässt der Erblasser mehrere Kinder, können sich Zuwendungen des Erblassers zu Lebzeiten an nur eines der Kinder auf den Pflichtteilsanspruch dieses Kindes oder der anderen Kinder auswirken. Dies nennt der Jurist die sog. Ausgleichung. Die Ausgleichung selbst ist unabhängig davon, wann die Zuwendung erfolgt ist.

Wann eine Ausgleichung durchzuführen ist, bestimmt § 2050 BGB. Eine Zuwendung ist auszugleichen, wenn der Erblasser dies zum Zeitpunkt der Zuwendung ausdrücklich angeordnet hat. Dies erfolgt in der Nicht-Juristen-Sprache oft in der Weise, dass der Erblasser erklärt, eine Zuwendung/ein Geschenk erfolgt „im Wege der vorweggenommenen Erbfolge“ oder unter „Anrechnung auf den späteren Erbteil“.

Weiter erfolgt eine Ausgleichung, wenn eines der Kinder eine sog. Ausstattung erhalten hat. Eine Ausstattung liegt vor, wenn die Zuwendung dazu dient, dass das Kind eine eigene Lebensstellung begründet. Dies ist beispielsweise die Schenkung eines unbebauten Grundstücks, wenn das Kind dort bauen möchte, oder bei finanziellen Zuschüssen zum Hausbau bzw. zur Begründung einer eigenen selbständigen Tätigkeit.

Ausbildungskosten an ein Kind sind nur dann auszugleichen, wenn diese eigentlich die Vermögensverhältnisse der Eltern über ein zumutbares Maß hinaus bzw. des Erblassers beeinträchtigt haben. Dies ist immer eine Frage des Einzelfalles und schwer abzugrenzen.

Wie beeinflusst die Ausgleichung den Pflichtteilsanspruch?

Die Berechnung der Ausgleichung im Rahmen des Pflichtteilsanspruches ist hochkomplex und fehleranfällig. Sie sollten in diesem Zusammenhang einen Fachanwalt für Erbrecht aufsuchen, der diese im Regelfall 6-Schritte-Berechnung für Sie durchführt.

Gibt es Zuwendungen des pflichtteilsberechtigten Kindes an den Erblasser zu Gunsten seines Pflichtteilsanspruchs?

Hat ein Kind für den verstorbenen Elternteil besondere Leistungen erbracht, wie Pflegeleistung, Hilfe im elterlichen Betrieb usw., für die es keine oder keine vollwertige Gegenleistung erhalten hat, und wurde dadurch auch das Vermögen des Elternteils geschont, erhalten oder vermehrt, ist dies durch Ausgleichung im Rahmen der Ermittlung des Pflichtteilsanspruchs zu berücksichtigen.

Hier kann Ihnen bei der hochkomplexen Berechnung des zustehenden Anteils für das pflichtteilsberechtigte Kind ein Fachanwalt für Erbrecht helfen. Unjuristisch gesagt hat in diesem Bereich das pflichtteilsberechtigte Kind einen Anspruch gegenüber dem Nachlass, der vorab dem Nachlass entnommen wird.

Ob und in welchem Umfang Ausgleichsansprüche gegeben sind, ist hier noch durch eine notwendige Billigkeitsabwägung und komplizierte Berechnungsmethode äußerst schwierig. In diesem Bereich liegt kaum Rechtsprechung vor.

Was versteht man unter Anrechnung von Zuwendungen auf den Pflichtteil?

Der Erblasser kann bei der Zuwendung an das pflichtteilsberechtigte Kind dem Kind mitteilen, dass das Kind sich später im Todesfall des Erblassers bei einer Enterbung durch den Erblasser den Wert der Zuwendung auf seinen Pflichtteil anrechnen lassen muss. Jetzt hat das Kind die Entscheidungsmöglichkeit, ob es die Zuwendung mit der Anrechnung auf den Pflichtteil annimmt oder ablehnt. Der Erblasser sollte sich die Anrechnung auf den Pflichtteil vom Kind schriftlich quittieren lassen, damit dies später auch rechtssicher durch den Erben nachgewiesen werden kann.

Der Erblasser selbst kann später nicht einseitig nachträglich die Anrechnung auf den Pflichtteil erklären. Dies ist rechtlich unwirksam.

Ausgezeichnet durch:

Focus 2018Focus 2019WiWo 2019

Empfohlen durch:

WWF Christoffel Blindenmission Verband Wohneigentum e.V. Stiftung Childaid Network OM Deutschland GBA Ships Blinden- und Sehbehindertenverein Hamburg e.V.
In Kooperation mit:

Netzwerk Deutscher Erbrechtsexperten e.V. Netzwerk Deutscher Testamentsvollstrecker e.V. Mediation im Erbrecht